Erfahrungsberichte

Im Halbjahrestakt fliegen jedes Jahr mehrere ehemalig Schüler unseres Gymnasiums nach Bo, um dort bei den Aufbauarbeiten zu helfen und auch selbst Unterricht zu geben, zum Beispiel im Fach Informatik. Hier sollen ihre Erlebnisse und Eindrücke an Sie weitergegeben werden.

 

Praktikum in Sierra Leone – wenn Fremde zu Geschwistern werden

Nach ihrer Ausbildung verbrachte die 18-jährige Conny Geyer mehr als drei Monate im westafrikanischen Staat Sierra Leone und machte dort ein Praktikum. Vermittelt wurde dieser Auslandsaufenthalt über den Lehrer Dieter Monninger vom Gymnasium Weilheim, das seit 2005 eine Schulpartnerschaft mit der Njagboima School in Bo/Sierra Leone pflegt.

Hier berichtet Conny von ihren Erlebnissen und Eindrücken:

Es ist wohl einer der spannendsten Augenblicke im Leben eines Jugendlichen, wenn die Entscheidung fällt, wohin nach der Ausbildung? Eins war von Anfang an klar: ich wollte ins Ausland, die Welt sehen und einfach was anderes machen, bevor es auf die BOS, also zurück auf die Schule ging. Es gab viele Länder, die ich in Betracht zog, aber dass es mich dann nach Sierra Leone verschlug, hätte ich nie erwartet.

Sierra Leone ist ein kleines Land, etwa so groß wie Bayern, das in Westafrika liegt, in nächster Nähe zum Äquator. Bis zum Jahre 2002 herrschte hier ein schlimmer Bürgerkrieg, der knapp 10 Jahre gedauert hatte und das Land in seiner Entwicklung nicht nur zum Stillstand brachte, sondern weit zurückwarf. Auslöser dafür waren die Diamanten, wie man auch in dem Hollywood-Film „Blood Diamond“ sehen kann.

Jetzt, 2012, ist das Land zwar befriedet, aber immer noch mit dem Wiederaufbau nach dem Krieg beschäftigt. Die UMC (United Methodist Church) hilft dem Land mit vielen Projekten wie Schulen, Krankenstationen und Frauenzentren. Sie schickt Spendengelder und engagierte Mitarbeiter, die den Einheimischen Mut machen, aufzubauen, neu anzufangen, neue Ideen zu entwickeln und zur Selbständigkeit und Unabhängigkeit zurückzufinden.

Ich, eine 18-jährige, sportbegeisterte Vegetarierin, hatte die Chance für dreieinhalb Monate in diesem Land zu leben und an einer Schule der UMC Mathematik zu unterrichten. Also raus aus dem europäischem Luxus und rein in ein Leben ohne Strom, fließendes Wasser und gekühlte Schokolade!

Mein Flug war von München aus über Paris und Conakry/Guinea gebucht. Nach 12 Stunden sollte ich in der Hauptstadt Freetown landen, da ich aber genau an dem Tag (15. Februar) flog, an dem ein Schneesturm den gesamten Flugverkehr in Süddeutschland lahm legte, wurde es ein wenig später. Nachdem ich in Paris gelandet war, wurde ich auf Französisch durch den gesamten Airport Charles de Gaulle geleitet, bis ich dann endlich meinen Ersatzflug bekam. Der ging erst mal nach Casablanca/Marokko, von da nach Monrovia/Liberia und dann, endlich, landete ich in Freetown/Sierra Leone. Inzwischen waren 24 Stunden vergangen, die Außentemperatur lag bei rund 35 Grad und ich war total übermüdet. Und dass mein Gepäck nicht angekommen war, sondern irgendwo unterwegs einen Zwischenstopp eingelegt hatte, störte mich dann auch nicht mehr wirklich.

Während in Deutschland also der Winter wütet, stehe ich ganz allein in Westafrika am Flughafen und warte darauf abgeholt zu werden. Das dauert zum Glück nur vier Stunden und dann geht’s los mit einem etwas älteren Auto durch die Stadt. Ich kann mich kaum satt sehen an den vielen neuen Bildern, die auf mich einstürmen. Besonders auffällig sind die vielen kleinen Stände am Straßenrand, um die sich Scharen von Menschen drängen und an denen alles verkauft wird, was man sich vorstellen kann: von den leckersten Früchten bis hin zu den sinnlosesten Plastikspielzeugen aus Japan.

Bevor wir uns auf den Weg ins Landesinnere nach Bo, meiner zukünftigen Heimatstadt, machen, stärken wir uns noch mit einem Essen. Dass es hier immer Reis gibt, wusste ich schon. Wenn ein Sierra Leonier an einem Tag keinen Reis zu essen bekommt, dann hat er nicht gegessen! Aber dass die Soßen alle mit Fisch und/oder Fleisch gemacht werden, ist eine kleine Überraschung für mich. Dann werden es halt drei ganz schön magere Monate, dachte ich mir, aber es gibt ja zum Glück überall kleine Snacks, die vegetarisch sind - Früchte!

Auf der vierstündigen Autofahrt sehe ich viel von der Natur, viele Palmen und andere tropische Bäume, die auch in der jetzt herrschenden Trockenzeit ganz schön beeindruckend aussehen. In Bo angekommen werde ich ganz herzlich von den Kindern, die mit mir im gleichen Haus wohnen, begrüßt und neugierig begutachtet.

Von Anja, einer anderen deutschen Freiwilligen vom Gymnasium Weilheim, die schon fünf Monate dort wohnt, wird mir in der ersten Woche alles gezeigt und ich bekomme noch viele hilfreiche Tipps. Dann muss sie abreisen und ich stehe mal wieder alleine da. Aber dann fange ich schon in der Schule mit dem Unterrichten an. Ich habe endlich was zu tun und lerne auch noch nette afrikanische Studenten kennen, die gerade ihr Praktikum an der Schule machen. Das Abenteuer hat begonnen und ich bin mitten drin!

Nach dem Bürgerkrieg befindet sich Sierra Leone seit 2002 im Wiederaufbau. Das Gymnasium Weilheim hat seit 2005 eine Schulpartnerschaft mit der Njagboima Secondary School und unterstützt seitdem durch Spendengelder den Bau und die Ausstattung der Schule. Einige Lehrkräfte aus Weilheim, allen voran Physik- und Sportlehrer Dieter Monninger, reisen regelmäßig nach Bo, zuletzt in den vergangenen Osterferien, um die Installation einer Solaranlage vorzubereiten. Das Gymnasium Weilheim veranstaltet heuer zum zweiten Mal einen Sponsorenlauf, um die dafür nötigen Finanzmittel aufzubringen.

Ich erlebe hier hautnah, wie es ist ohne Strom auszukommen. Nach kurzer Zeit hab ich mich daran gewöhnt, dass es eben überall stockdunkel wird, wenn die Sonne untergegangen ist. Licht gibt es nur, wo ein Generator betrieben wird. Mein Handy gebe ich auf dem Weg in die Schule in einem Shop ab, damit es geladen werden kann, abends hole ich es wieder ab.

Die Hauptaufgabe in meinem Praktikum an der Njagboima Secondary School in Bo besteht darin zu unterrichten. Mir werden drei Klassen für den Mathematikunterricht zugeteilt. Ohne Fachwissen, ohne Bücher und ohne Einarbeitung komme ich mir anfangs ganz schön verloren vor. Mit der Zeit überwinde ich die Sprachbarrieren und komme jede Woche besser zurecht. Die offizielle Sprache in Sierra Leone ist Englisch, überall gesprochen und verstanden wird allerdings Krio, eine afrikanische Variante des Englischen. Die meisten Schüler sprechen in ihren Familien ihre afrikanische Muttersprache, die in der Gegend um Bo Mende heißt und mit Englisch gar nichts mehr zu tun hat. Alle sind begeistert bemüht, mir Sätze in Krio und in Mende beizubringen.

Die Herausforderung an mich besteht vor allem darin, die Schüler ruhig zu halten. Denn die Klassen sind nicht nur riesig (40-60 Schüler), sondern meistens teilen sich auch noch zwei Klassen ein Zimmer. Das schwierigste ist, sich Respekt zu verschaffen. Was die hiesigen Lehrer mit Schlägen erzwingen, ist für mich ohne Gewalt nicht so leicht zu erreichen. Dadurch bin ich oft sehr niedergeschlagen nach den Unterrichtsstunden, weil ich mir einfach mehr erhoffe, als ich dann wirklich durchbringen kann.

Um nicht verrückt zu werden, fange ich an zweimal in der Woche Basketball zu spielen. Ein Freund, der mir in allem eine große Hilfe ist, überzeugt mich davon mit ihm zu trainieren. Wir beginnen im Februar mit vier bis fünf Spielern auf einem Hartplatz, der voller Staub und Risse ist. Wenn wir Großen fertig sind mit dem Training, kommen immer noch ganz viele Kinder angelaufen, die auch noch ein bisschen spielen wollen. Obwohl es ganz schön hohe Temperaturen sind, gewöhne ich mich schnell an den Sport in der direkten Sonne. Und so kommt mir der normale Alltag auch gar nicht mehr so heiß vor, da ich ja weiß, es geht noch heißer!

Innerhalb der Zeit, in der ich in Sierra Leone bin, wächst die Zahl der Spieler ungefähr um das Dreifache an. Kurz bevor ich fahre, werden sogar richtige Spiele organisiert und ich komme mir fast so vor wie in einer richtigen Mannschaft. Durch diesen Stressabbau am Sportplatz fällt es mir leichter zu unterrichten, denn auch wenn mal was nicht so läuft, wie ich es mir vorstelle, kann ich zumindest den Kids am Hartplatz noch was beibringen.

Kinder in Sierra Leone sind sowieso eine ganz spezielle Sache. Egal was ich mache und wie ich mich verhalte, die Kinder lieben mich! Sobald ich auf die Straße gehe, rennen aus jedem Haus die Kleinen raus und schreien „hello“ und „pumui“ (Weißer). Und wenn ich mich dann auch noch zu ihnen umdrehe und sie zurückgrüße oder gar mit ihnen Blödsinn mache und tanze, dann können sie sich vor Lachen kaum noch auf den Beinen halten. Musik und Tanz sind in Bo allgegenwärtig. Jeder darf mitmachen, keinem ist es peinlich, alle haben Freude an Musik, Gesang, Bewegung und Rhythmus. Und sogar „pumui“ werden herzlich in den Kreis aufgenommen und dürfen ihre Freude oder ihren Frust im Tanz rauslassen.

Also an Spaß fehlt es den Einwohnern von Bo nicht. Denn auch die Erwachsenen freuen sich unglaublich, wenn so ein Weißer mit ihnen spricht und versucht sie in ihrer Stammessprache zu grüßen. Da ist es nicht gerade schwer Freunde zu finden, allerdings ist es auch manchmal ganz schön nervig, wenn jeder dich zum Freund haben will.

Wie ich am Anfang schon berichtet habe, gibt es hier nur Soßen, die für Vegetarier ungeeignet sind. Es ist für die Afrikaner unverständlich, dass man so eine Essenseinstellung haben kann, für mich dann allerdings umso beeindruckender, dass sie nach und nach jede Soße ohne Fisch und ohne Fleisch versucht haben. Noch nie habe ich mich so wohl gefühlt und jetzt kann ich mit Sicherheit sagen: Das Essen in Sierra Leone ist großartig! Und die Menschen probieren viel, damit es einem als Gast in ihrem Land gut geht. Nicht nur von der fröhlichen, offenen Einstellung gegenüber Fremden können wir uns eine Scheibe abschneiden, sondern auch von ihrer liebenswerten Aufopferung für anderer Menschen Wohlbefinden. In Sierra Leone werden Fremde nicht nur zu Freunden, sondern in ganz vielen Fällen wird die Freundschaft so ernst genommen, dass man plötzlich als Bruder oder Schwester anerkannt und praktisch in die Familie aufgenommen wird.

Wer weiß, ob ich jemals wieder nach Westafrika komme, also nutze ich jede Gelegenheit um etwas vom Land zu sehen. Bereits in meiner dritten Woche habe ich die Chance auf die Jahreskonferenz der United Methodist Church (UMC) Sierra Leone in Freetown zu gehen. Auch wenn ich Freetown als Stadt nicht besonders gerne mag, erlebe ich dort eine wunderbare Zeit und gewinne eine sehr gute Freundin.

Tagsüber ist themengebundene und ernsthaft geleitete Konferenz mit wundervollen Gottesdiensten, die ich vollkommen genieße, da sie sehr lebendig und fröhlich gestaltet sind. Die Musik ist voller Schwung und man darf sogar tanzen, was die Frauen hier ohne Aufforderung sofort machen. Anschließend gibt es Jugend-, Frauen- und Kinderabende, die auch voller Leben und Freude sind. Es gibt Tanz- und Singwettbewerbe, an denen Menschen aus dem ganzen Land teilnehmen.

Nach dieser tollen Erfahrung sage ich natürlich nicht Nein bei dem Angebot von meiner Freundin auf eine weitere Konferenz zu gehen. Diesmal ist es ein „Young Women’s Network Gathering“ in einem kleinen Dorf, also ein Treffen nur für Frauen. Dort gibt es einen Wettkampf zwischen vier Häusern, rot, gelb, blau und grün. Mein Haus ist das gelbe und unsere Aufgaben bestehen aus Wasser holen, fegen und aufräumen. Sobald ich den Besen nehme oder den Eimer, fängt jede Frau an zu schreien und zu lachen: sie können gar nicht glauben, dass ein Weißer wirklich arbeitet. Soviel also zu deren Meinung über uns, wir sind alles reiche Nichtsnutze. Die Afrikaner haben da wohl ihre Erfahrungen gemacht.

Aber auch hier habe ich wieder eine tolle Zeit und erfahre endlich mal mehr über Mädels in meinem Alter, da die normalerweise eher uninteressiert an mir sind. Leider muss ich die Konferenz frühzeitig verlassen um eine kleine Gruppe Deutscher, eine Delegation der UMC aus Deutschland bzw. vom Gymnasium Weilheim, vom Flughafen abzuholen und kann so nicht miterleben, wie mein Haus den ersten Platz gewinnt.

Die Deutschen sind hergeflogen, um die Njagboima Secondary School für die Installation einer Solaranlage auszumessen. Aber erst fahren wir noch in ein Frauenzentrum der UMC in einem anderen Teil des Landes: in Jaiama, nördlich von Bo. Die Straße dorthin ist richtig afrikanisch, also im Auto ruhig sitzen kann man nicht, da die Schlaglöcher ihren eigenen Willen haben.

Einigermaßen heil angekommen besuchen wir das Frauenzentrum Konomusu, in dem Frauen, die von der Straße kommen eine Ausbildung erhalten. Sie lernen unter anderem Schneidern, Frisuren machen, Weben und noch vieles mehr. Nach der Ausbildung können sie so ein eigenes Leben führen und sich ihren Lebensunterhalt durch ehrliche und menschenwürdige Arbeit verdienen. Der Ort befindet sich direkt an den Bergen, und so haben wir von unserem Haus eine richtig schöne Aussicht. Da wir uns aber in einem reichen Diamantengebiet befinden, das früher stark umkämpft wurde, sieht man hier starke Schäden vom Krieg. Auf dem Heimweg nach Bo fahren wir durch die Berge, wieder eine wunderschöne Aussicht, die leider von den starken Erschütterungen wegen der unwegsamen Straße gestört wird.

Einen letzten großen Ausflug kann ich dann noch mit einem deutschen Praktikanten auf die „Affeninsel“ machen. Die Hinfahrt dauert sehr lange und mein Mitfahrer ist leider nicht sehr geduldig, was mich aber wenig stört. Auf der Insel kommen wir spät am Abend an und schlafen in Zelten. Am nächsten Tag durchforsten wir die Insel auf der Suche nach Affen, leider nicht erfolgreich, aber auch hier ist die Natur wieder beeindruckend. Nachmittags schwimmen wir im Fluss und ich mache Bekanntschaft mit den „Black Flies“, die ganz fies stechen und dann schlimmer als Mückenstiche jucken. Überraschenderweise kommen uns abends noch einige Affen besuchen. Zwar sind sie etwas schüchtern, aber von Baum zu Baum hüpfend sehen sie auch von unten schön aus.

Nach diesem Ausflug ist dann für mich schon fast die Zeit des Abschieds gekommen, aber ich verbringe noch eine wunderschöne Zeit in meiner Stadt Bo. Leider wird mir meine Kamera geklaut, wodurch einige Bilder fehlen, aber D.I.A.: Das ist Afrika.

Als ich am 31. Mai Deutschland wieder erreiche, habe ich nur vier Stunden Verspätung und mein Gepäck ist diesmal gleichzeitig mit mir da. Einen Tag später gibt es in Dießen mehrere Stunden Stromausfall. Und als ich den USB-Stick mit den Liedern am Computer anschließe, ist er voller Viren, die Speicherkarten meiner Kamera ebenfalls. Zum Glück lässt sich alles retten und wiederherstellen! Eine Woche nach meiner Ankunft muss ich ins Krankenhaus, Diagnose: Malaria.

Ich werde Afrika wohl nie los, aber das ist auch gut so, denn ich habe in dieser kurzen Zeit mehr gelernt, als ich jemals erwartet hätte. Auch wenn ich manchmal wirklich kein Glück hatte, war es eine wunderschöne Zeit, in der ich viele tolle Menschen kennen- und schätzen gelernt habe. Für mich ist Afrika ein wunderbarer und interessanter Kontinent und speziell Sierra Leone ist mir ans Herz gewachsen. Und wenn ihr mal vor der Frage steht, wohin nach der Ausbildung? Dann kann ich euch nur raten: macht das, worauf ihr Lust habt, denn arbeiten kann man noch lang genug, die Welt sehen aber nur, solang man unabhängig ist.