„Fülle des Wohllauts“ Nora Gomringer und das Ensemble Wort Art in der Dichterlesung

Dichterlesung einmal anders. Das girrt und surrt und schmeichelt und lispelt, wenn Nora Gomringer zwei Liebende sich unterhalten lässt. Mit großem schauspielerischem Talent moduliert sie ihre Stimme zwischen giftig, grantig, freundlichzugetan und atemlos aufgeregt oder demütig säuselnd. Auf einmal verlässt Lyrik ihren Elfenbeinturm und wird sinnlich erfassbar, verständlich, nachvollziehbar. Sie braucht dazu keinen Lehrer und keine Koenigs Erläuterungen. Und das Allerbeste: Sie macht großen Spaß. Nora Gomringer ist eben nicht abgehobene Lyrik-Tante, sondern eine vollsaftige oberfränkische Performance-Künstlerin der spoken-art-Szene. Und weil die Organisatoren der Veranstaltung als Deutschlehrer sichergehen wollten, dass ihr (Schüler)publikum auch ganz bestimmt auf seine Kosten kommt, hatten sie zusätzlich zur Lyrikerin noch das Ensemble „Wortart“ aus Dresden eingela-den, eine Truppe von fünf jungen, sensiblen Sängerinnen und Sängern, die ihre Begeisterung für Dichter wie Sarah Kirsch, Marie-Luise Kaschnitz, Eva Strittmatter, Mascha Kaleko, Bertolt Brecht und natürlich Nora Gomringer mit musikalischer Kreativität, Präzision und Spontaneität kombinieren. Das Resultat: Musik vom Feinsten, jazzig-poppig, erinnernd an ComedianHarmonists, aber mit dem Tiefgang eines Eisberges und der Intensität von Kammersängern - lupenreine Intonation, sichere Rhythmik, klare Modulation. Im Wechsel zwischen Lyrikerin und Ensemble (und zeitweilig auch im Zusammenspiel) entfalteten sich auf der Bühne der Aula die kleinen und großen Dramen des Lebens und hinterließen ein begeistertes, aber auch nachdenkliches Publikum. Da wirkten die traditionellen Schülerfragen im Anschluss etwas bemüht, hätten sie nicht diese beherzten und ehrlichen Antworten der Künstler gefunden. Wer jetzt noch behauptet, Lyrik nervt, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Zeit verflog im Nu und man fragte sich nur, warum sich diesen Genuss soviele Schüler entgehen ließen, oder sollten sie nicht genügend intensiv auf die Veranstaltung hingewiesen worden sein?