Heidelberg, Hölderlin und der Hirsch Dietmar, ein Literaturabend mit Saša Stanišić am 20.01.2016

„Sei heldisch und wisse: Helden können nicht immer Helden sein, es gibt auch sonst viel zu tun.“ Diese Zeilen auf der Rückseite des aktuellen Weilheimer Heftes waren es, die mich auf den kommenden Autor neugierig werden ließen. Über 400 Zuhörer erwarteten mit Spannung am letzten Mittwoch Saša Stanišić in unserer Aula zur Lesung. Erstmals übernahm ein ehemaliger Schüler, der wie Stanišić aus dem ehemaligen Jugoslawien kommt, die Einführung. Er war vor Jahren, kurz vor seinem Abitur, auf ihn aufmerksam geworden und hat seitdem begeistert und gespannt sein Schreiben verfolgt. Wer noch nichts zum Autor gewusst hatte, war jetzt mit einigem interessanten Detailwissen vorbereitet und freute sich auf den Autor. Saša Stanišić füllte die Bühne und den Saal sofort mit größter Lebendigkeit und bester Stimmung. Höchste Aufmerksamkeit war spürbar. Gespannt folgte das Publikum seinem ersten Text, der Stanišićs erstes Erleben des Heidelberger Schlosses bei seiner Ankunft nach der Flucht aus Višegrad spürbar machte. Eher heiter mutete die Geschichte von der Aral-Bande an, die ebenso stark autobiographisch Einblick in das Heranwachsen eines jugendlichen Flüchtlings bot. Die aktuelle politische Situation bewegt Stanišić, man möchte meinen verständlicherweise aus seiner Biographie, aber er betont nein, als Bürger dieses Landes: Wie er gern bei einer Pegida-Demonstration in Dresden Texte von Hölderlin, Tucholsky und Karl May den Demonstranten vorhalten möchte – „Ich werde das machen!“ bot er durch einen ganz neu entstandenen mutigen Text mitreißend und pointenreich. Aber nicht nur mit Politischem zog Stanišić die Zuhörer in seinen Bann, auch Phantasievolles, Absurdes, Komisches reizte sogar einige Unterstufenschüler mit zu dichten, als die Geschichte vom Hirsch Dietmar den ersten Teil der Lesung schloss. Nach der Pause nahm der Autor sich viel Zeit für Fragen, und betonte dabei vor allem immer wieder seine Liebe zur deutschen Sprache und den unendlich vielen Möglichkeiten, die sie durch ihre Wandelbarkeit bietet. Diesen Blick von außen auf die eigene Sprache zu bekommen, durfte faszinieren. Mit Auszügen aus seinen beiden bereits erschienen preisgekrönten Romanen „Als der Soldat das Grammophon reparierte“ und „Vor dem Fest“ schloss der Abend. Damit ging eine enorm lebendige Dichterlesung zu Ende. Wer Saša Stanišić miterleben durfte, wird den Abend in lebendiger Erinnerung behalten, nicht allein wegen der abwechslungsreichen, humorvollen, lustigen und nachdenklichen Texte, sondern auch, weil man als Zuhörer spürte, wie sehr er seine Texte und vor allem die deutsche Sprache liebt – Eigenschaften, die ihn ungemein sympathisch machen. Danke für diesen tollen und gelungenen Abend! (Karolin Daiber Q11a)