Michael Köhlmeier – ein humanistischer Erzähler

Endlich ist er da, der Schriftsteller, der vielen Zuhörern als Erzähler von antiken und mittelalterlichen Sagen durch Fernsehen und Hörbücher bestens bekannt ist. Es war nicht ganz einfach, ihn von Vorarlberg nach Weilheim zu locken, wie unsere Schulleiterin, Frau Sitek, in ihrer den Dichter sehr wertschätzenden Begrüßungsrede berichtet. Eine persönliche Begegnung mit ihm im Literaturhaus machte es möglich. Das zeichnet den Schriftsteller Michael Köhlmeier also aus: Er lässt sich auf die Kommunikation mit seinen Mitmenschen ein und stellt in seinem Schaffen den Menschen in den Mittelpunkt. „Ich gehe nicht von einer Idee aus, sondern von einer Figur. Die Idee ist der Tod des Buches“, so erklärt er sein Vorgehen beim Schreiben. Eine solche Figur ist die 14jährige Madalyn aus dem gleichnamigen Roman, die das erste Mal die Liebe erlebt. Dass er gerade aus diesem Buch eine längere Passage vorträgt, zeigt, dass er sich seinem Publikum empathisch zuwenden kann, denn das dargestellte Thema dürfte viele Jugendliche sehr angesprochen haben. Köhlmeier liest ruhig und bedächtig. Seine tragende Stimme zieht die Zuhörer in seinen Bann und lässt die Zeit kurz werden. Der zweite Text ist aus dem großen Roman „Abendland“. Ein Ich-Erzähler mit dem Namen Sebastian Lukasser, das Alter-Ego Köhlmeiers, das auch die Madalyn-Geschichte wiedergibt, erzählt die Geschichte seiner Familie und der des in Freundschaft verbundenen Mathematikers Carl Jacob Candoris. „Abendland“ ist ein Generationenroman, der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an verschiedenen Orten Europas und Amerikas spielt. Köhlmeier liest vor, wie sich Lukasser, der keinerlei Erfahrung mit einem Haustier hat und auch keines möchte, in der amerikanischen Wildnis mit einem Hund anfreundet, eine anrührende Geschichte, wiederum fein ausgewählt und interpretiert. Nach der längeren Signierpause beantwortet der Autor dann die Fragen der Schüler, wobei gerade die jüngeren Schüler großes Selbstbewusstsein beweisen. Köhlmeier geht schlagfertig und freundlich auf die Fragenden ein und drückt sich vor keiner Antwort. Besonders belustigt ihn die Frage, wie es „so als Schriftsteller“ sei. Prompt fällt ihm ein besonders guter Vorteil ein: „Ich kann aufstehen, wann ich will; wenn ich morgens um halb zehn in T-Shirt und Unterhose rausgehe und die Post hole, denken die Nachbarn nicht, ich bin faul, sondern ich bin halt ein Schriftsteller und hab´ bestimmt bis tief in die Nacht gearbeitet.“ Aber „das Schönste“ sei, dass er „mit einer Schriftstellerin verheiratet“ ist, mit der er sich über sein Schreiben stets fruchtbar austauschen könne. Am Ende darf das Publikum, von vielen wohl erhofft, Köhlmeier als den Erzähler erleben, den man von verschiedenen Medien her kennt: Er berichtet vom Ursprung der Götter und der Menschen in der griechischen Sage. Interessant scheint ihm dabei zu sein, dass die Menschen hier nicht von einem liebenden Gott gemacht werden, wie im Alten Testament, sondern von Prometheus, dem die rachsüchtigen Götter diese Schöpfung neiden. Köhlmeier kann ohne Mühe erzählen und erzählen. Er kennt alle Geschichten und Nebengeschichten und distanziert sich immer wieder ironisch, wenn es gar seltsam wird: „Das ist biologisch zweifelhaft, aber mythologisch einwandfrei!“ So entlässt er nach zweieinhalb Stunden ein sehr zufriedenes Publikum, das belehrt und unterhalten wurde und sich an diesem Abend ernst genommen fühlte, ganz im humanistischen Sinne. (Maria Kachl-Gleißner)

 

Dichterlesung mit Michael Köhlmeier am 16.03.2017

Am vergangenen Donnerstag, dem 16.3., hatte unsere Schule die Ehre, den Schriftsteller Michael Köhlmeier, welchem das 73. Weilheimer Heft zur Literatur gewidmet ist, zur Dichterlesung begrüßen zu dürfen. Herr Köhlmeier begann den Abend damit, dem Publikum in der ausverkauften Aula aus zweien seiner Werke vorzulesen. Jene waren zum einen der Roman Madalyn, in dem es um ein 14-jähriges Mädchen geht, welches zum ersten Mal in seinem Leben verliebt ist, und zum anderen Abendland, in welchem u.a. auf die besondere Beziehung zwischen Mensch und Tier eingegangen wird. Bereits während der Lesung aus diesen beiden Büchern wurde den Zuhörern die Vielseitigkeit Köhlmeiers bewusst, welcher einem breiten Publikum eher durch das freie Nacherzählen griechischer Sagen und anderer Geschichten bekannt ist. Nach einer kurzen Pause bestand die Möglichkeit, Herrn Köhlmeier Fragen zu stellen und diesen so besser kennenzulernen. Vor allem das junge Publikum beteiligte sich sehr engagiert an der Fragerunde, welche viel Heiterkeit im Publikum erzeugte. So erfuhr man auf die Frage einer Fünftklässlerin hin, welche wissen wollte, wie es denn so als Schriftsteller sei, dass er sein Dasein unheimlich gut finde, unter anderem deswegen, weil er aufstehen könne, wann immer er will. Auf die Frage, wie er die Ideen für seine Romane bekomme, erklärte Herr Köhlmeier, dass er zu Beginn eines Romans nie wisse, wie dieser enden werde, sondern dass er eine Figur erschaffe und diese ihm dann die Geschichte Stück für Stück weitererzähle. Gegen Ende des Abends durfte dann auch das Publikum Köhlmeiers freien Erzählungen lauschen und erfuhr, wie den griechischen Sagen nach die Welt entstanden ist und wir Menschen als lernfähige Versager geschaffen wurden, um von den Göttern geduldet zu werden. Wir bedanken uns herzlich für den lehrreichen und kurzweiligen Abend, an dem vielleicht manch ein neuer Sagen-Fan geboren worden ist. (Louisa Petersen Q11b)